Chinesisch ist mehr als eine Fremdprache - es ist ein anderer Typ von Sprache.

Dies liegt weniger an der andersartigen Grammatik oder an der gewöhnungsbedürft igen Aussprache, sondern im
Wesentlichen am Vokabular:
Durch die bildzeichenorientierte Schreibweise bekommt jede Vokabel im Vergleich zu alphabetbasierten (in dem
Sinne, dass sich Wörter stets aus „Buchstaben“ zusammensetzen, welche für sich keine Bedeutung tragen) Sprachen
wie Deutsch, Spanisch, Russisch oder auch Arabisch eine neue Dimension, da aus den üblichen Lernpaaren (Vokabel
und Übersetzung) mit Hinzukommen des Schrift zeichens Lerntripel werden. Für das Vokabellernen bedeutet dies,
dass neben der textuellen und akustischen Komponente (wie beispielsweise bei den uns vertrauten romanischen
Sprachen) nun auch eine visuelle Komponente mit ins Spiel kommt.
Diese mit Ausnahme der koreanischen und japanischen Sprache einzigartige Komplexität ist einer der Hauptgründe,
warum Chinesisch auch von vielen Sprachbegabten bereits im Vorfeld eines eventuellen Chinesischstudiums als zu
schwierig empfunden wird. Dennoch bietet diese scheinbar größte Hürde eines Chinesischstudiums den Vorteil,
dass ein großer Teil der Schrift zeichen gewissen Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten unterliegt, welche das Chinesisch lernen
erheblich erleichtern.

 

Vokabellernen stellt wie bei jeder Sprache auch im Chinesischen einen wichtigen Teil des Sprachstudiums dar. Jedoch lassen sich auch mit dem besten Vokabeltrainer Vokabeln unnötig schwer lernen, wenn diese isoliert für sich stehen. Der Einsatz eines Vokabeltrainers in Verbindung mit einem Lektionstext und einem daran angelehnten Vokabular ist daher insbesondere in den frühen Lernphasen einer Fremdsprache sinnvoller als das isolierte Lernen einzelner Vokabeln, zumal hier der Focus noch eher auf dem Vertrautwerden mit den spezifischen Eigenschaften der Sprache liegt (Aussprache, grammatikalische Phänomene, ...). Vokabeln werden in dieser Phase noch sehr spezifisch und gezielt gelernt, um die jeweiligen Lektionstexte verstehen zu können.

Spezielle Anforderungen an einen Chinesisch-Vokabeltrainer
Da bei fremdsprachlichem Vokabular normalerweise ein Prozess des Auswendiglernens vorliegt, wird der Effizienz
bereits durch schnelles und dauerhaftes Einprägen der Wortpaare Genüge getan.
Bei der chinesischen Sprache hingegen kommt mit den Schriftzeichen bereits beim Vokabellernen eine weitere
Komponente hinzu, bei deren Erlernen der Prozess des Begreifens eine wesentlich bedeutendere Rolle spielt.
Um der gesteigerten Komplexität dieser Sprache Rechnung tragen zu können, verfolgt Han Trainer Pro daher einen
verständnisorientierten Ansatz, der insbesondere bei der Vermittlung der Schriftzeichen zum Tragen kommt. Dieser
Ansatz besteht darin, die Schrift zeichen durch Verständnis ihres „Innenlebens“ mit Hilfe visueller Assoziationen
schnell und dauerhaft im Gedächtnis des Lernenden zu verankern, indem Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten
hervorgehoben werden. Diese Überlegung basiert auf folgenden Erkenntnissen:
1. Schnelles Erlernen: Während beim Lesen von Vokabeln vorwiegend die linke Gehirnhälfte aktiv ist, bezieht
die Verarbeitung bildhaft er Assoziationen auch die rechte Hälfte des menschlichen Gehirns mit ein. Insbesondere
das Langzeitgedächtnis ist daher für bildhaft e Assoziationen besonders empfänglich.
2. Dauerhaftes Erlernen: Versuche haben gezeigt, dass die Art der Verarbeitung von Lernstof ein entscheidender
Faktor dafür ist, wie gut dieser behalten wird. Wie die folgende Graf k eindrucksvoll belegt, wird logisch
strukturierter und kategorisierter Lernstof , für welchen sich Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten erkennen lassen,
vom menschlichen Gehirn besonders lange gespeichert.

Darüber hinaus dient das mit jeder neuen Vokabel erweiterte Verständnis für die ihr zugrundeliegenden Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten als nützliche Basis für das schnelle Erlernen weiterer Vokabeln. Zu diesem Zweck wurden
bereits am Anfang der Konzeption von Han Trainer Pro umfassende textuelle, graphische und akustische Beschrei bungsmöglichkeiten für jede einzelne Vokabel vorgesehen.
Weitaus mehr als z.B. bei den westlichen Sprachen ist es im Chinesischen wichtig, die Aussprache von Muttersprachlern zu lernen. Grund hierfür sind die feinen Nuancen in der Aussprache, durch welche sich die
zahlreichen nahezu gleichklingenden Wörter voneinander abgrenzen.

Trotz all ihrer akustischen Präzision variiert die Aussprache in China sehr stark. Obwohl sich die vorliegende Arbeit
auf die hochchinesische Aussprache („Mandarin“) beschränkt, gibt es auch von diesem Dialekt, der in der Regel als
Synonym für die Sprache „Chinesisch“ verwendet wird und von den meisten Chinesen beherrscht wird, zahlreiche
voneinander abweichende Varianten. Damit sich der Lernende nicht an eine einzelne Sprechweise gewöhnt, sollte
auf männliche und weibliche Sprecher aus diversen Teilen Chinas zurückgegrif en werden.

 

Größtes Vokabular

...ist nicht alles, was zählt.
Ab einem gewissen Maß an sprachlicher Perfektion kommt es zunehmend darauf an, ein Verständnis für idiomatische
Eigenheiten und Redewendungen zu entwickeln. Auch hierfür sind spezielle Bücher oder Trainingsprogramme die
geeignetere Lösung.
Insofern scheint es beinahe überf üssig zu erwähnen, dass ein Vokabeltrainer immer nur als Modul eines
Sprachtrainings gesehen werden kann. Han Trainer Pro ist nicht als systematischer Auft aukurs konzipiert und
erhebt auch nicht den Anspruch, einen solchen zu ersetzen.

 

Für das Studium der chinesischen Sprache dienten mir unter anderem

• Schnellkurs Chinesisch (Selbstlernkurs 1 Buch 296 Seiten, 3 Audio-CDs, Huebner Verlag)
• Chinesisch I & Chinesisch II (Lehrbücher à 180 Seiten, Verlag Dürr + Kessler)
• Pons Chinesisch für Anfänger (Selbstlernkurs 1 Buch 128 Seiten, 1 Audio-Kasseft e, Kleft -Verlag)
• Multimedialernprogramm “Rosetta Stone” (1 CD-ROM, Fairf eld Language Technologies)
• Μultimedialernprogramm “Chinese Trainer” (1 CD-ROM, Ingenio)
• Ζahlreiche Internetseiten, Diskussionsforen, Online-Tutorials sowie frei erhältliche Chinesischlernsoft ware
• Diverse Filme und Musik in chinesischer Sprache
• Zahlreiche Konversationen mit Personen aus verschiedenen Teilen Chinas
• Die Abendkurse „Chinesisch I”, Chinesisch II” und „Chinesisch V” an der VHS Regensburg sowie
• Privatunterricht
Die vorliegende Arbeit basiert vorrangig auf meinen hier angeführten eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen.
Ohne an dieser Stelle den Nutzen hochwertiger Literatur in Frage stellen zu wollen, stellt diese praxisorientierte
Herangehensweise meines Erachtens eine zumindest gleichwertige Grundlage für die Konzeption von
Sprachlernsoftware dar

 

 

VERSCHIEDENE SCHREIBWEISEN
Viele Personen, die
lediglich Lehrbücher
eines Verlags mit
stets derselben
Schriftart für das
Chinesischstudium
benutzen, haben
im „Ernstfall“
ofterhebliche
Schwierigkeiten beim
Lesen von Schildern,
Wörterbüchern oder
computergeneriertem
Text. Chinesische
Handschrift und
Kalligraphie sind
hingegen auch für
erfahrene Leser
zu weit von der
Standardschrift
entfernt, als dass diese
problemlos entzif ert
oder nachgebildet
werden können.

LÄNGE CHINESISCHER WORTE
Chinesische Worte
können aus einem
oder aus mehreren
Schriftzeichen
bestehen, wobei
alle Schriftzeichen
unabhängig von
deren Komplexität
gleich viel Platz
auf dem Papier
einnehmen.
Anders als im
Japanischen
entspricht in der
chinesischen
Sprache eine Silbe
immer genau einem
Schriftzeichen.
Worte mit über drei
Silben sind bereits
extrem selten.

 

 

DIE VIER TÖNE
Im Chinesischen
kann jeder Vokal auf
fünf verschiedene
Weisen ausgesprochen
werden, wovon die
ersten vier als „Töne“
bezeichnet werden:
1. nicht alterierend
(„w8“)
2. steigend („wó“)
3. erst fallend, dann
steigend („w0“)
4. fallend („wò“)
Das Anheben bzw.
Absenken der Stimme
def niert hierbei den
jeweiligen Ton und
damit die Bedeutung
des Wortes.
Als fünfte Möglichkeit
kann ein Vokal auch
unbetont sein („wo“).

 

Lautumschrit Pinyin

Hanyu Pinyin ist heute die gebräuchlichste lateinische Lautumschrift für chinesische Schrift zeichen, welche
ursprünglich der Romanisierung dieser Sprache dienen sollte. Obwohl man (mit Ausnahme von Lehrmaterial)
kaum ein Buch oder eine Zeitschritf den wird, die in Pinyin geschrieben ist, stellt diese Lautumschrift ein
unentbehrliches Hilfsmittel dar: So wäre ohne Pinyinkenntnisse weder die Benutzung von Wörterbüchern noch
das Eingeben chinesischer Zeichen in den Computer möglich – um nur zwei Beispiele zu nennen. Daher wurde ein
Modus, welcher Pinyin-Lautumschrift abfragt, in das Programm aufgenommen.
Pinyin stellt aufgrund seiner vier Töne viele Schwierigkeiten für den Lernenden dar. Daher genügt, Pinyin ohne die
Töne in das Abfragetextfeld einzutragen. Für diesen Verzicht sprechen folgende weitere Gründe:

• Die Töne müssten entsprechenden Sondertasten zugeordnet sein. Die Verwendung solcher Tasten wäre jedoch
ungewohnt und würde den Lernenden eher aufhalten.
• Das normale Wort (ohne Laute) genügt, um festzustellen, ob der Benutzer es wiedererkannt hat.
•„Pinyin“ ist eine Lautumschrift . Somit liegt ihr Wesen darin, die Aussprache von Zeichen zu beschreiben und
festzuhalten. Das korrekte Niederschreiben der Pinyin–Lautumschrift ist (abgesehen von Personen, die sich
selbst mit dem Lehren der chinesischen Sprache beschäftigen) im Chinesischen kaum von Bedeutung, da Texte
dort fast ausschließlich mit Schrift zeichen geschrieben werden. Auch die Eingabe von Schrift zeichen in den
Computer erfolgt über Pinyin ohne Töne (der Nutzer wählt z.B. nach Eingabe des Wortes „hao“ das Zeichen mit
der gewünschten Bedeutung aus).

Programm Nanji Star zur Eingabe chinesischer Schriftzeichen in den Computer
Die Töne über den entsprechenden Vokalen werden bei richtiger Eingabe automatisch ergänzt und das Wort
nochmals vorgelesen. Technisch funktioniert dies, weil – wie bereits beschrieben – die Pinyin-Lautumschrift für
jedes Zeichen in zwei verschiedenen Versionen gespeichert ist: Eine Version mit den verschiedenen Tonzeichen zur
Darstellung sowie eine Version ohne Tonzeichen für die Abfrage.

 

 


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Rainer Stahlmann
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